Im Bundestagsausschuss: Der Traumaforscher Professor Dr. Dr. Ilhan Kizilhan aus Villingen-Schwenningen, die hiesige SPD-Bundestagsabgeordnete Derya Türk-Nachbaur und Dr. Irfan Ortac, Bundesvorstand Zentralrat der Jesiden

„Die Entmenschlichung beginnt immer mit den Feindbildern“

Berlin/Villingen-Schwenningen. Für Professor Dr. Dr. Ilhan Kizilhan ist die offizielle Anerkennung des Völkermords an der ethno-religiösen Gemeinschaft der Jesiden im Nordirak durch die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) ein wichtiger Schritt in Richtung Traumabewältigung. Der Traumaforscher von der Dualen Hochschule BW Villingen-Schwenningen war im Rahmen einer Öffentlichen Anhörung des Menschenrechtsausschusses zu Gast im Deutschen Bundestag. Die Anhörung war zuvor von der hiesigen Bundestagsabgeordneten Derya Türk-Nachbaur und den Mitgliedern der Ampelkoalition beantrag worden.

Unter den geladenen Experten und Ausschussmitgliedern herrschte sehr schnell Übereinstimmung, dass alle juristischen und politischen Kriterien der Vereinten Nationen für die Einstufung als Völkermord in Bezug auf die Gewaltverbrechen an den Jesiden im Jahr 2014 erfüllt sind. „Eine politische Anerkennung der Bezeichnung Völkermord durch den Bundestag wäre nicht nur eine Bestätigung der laufenden Rechtsprechung in Deutschland, sondern auch ein symbolischer Akt des Respekts und der Solidarität mit den überlebenden Jesidinnen und Jesiden weltweit“, so die Bundestagsabgeordnete Derya Türk-Nachbaur aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis.

Die in der nordirakischen Region Sindschar lebende und jahrhundertealte Gemeinschaft der Jesiden war im August 2014 von der Terrororganisation IS brutal überfallen worden. Die meisten Männer im wehrfähigen Alter sowie die älteren Frauen und Männer wurden auf der Stelle ermordet und in Massengräbern verscharrt. Jüngere Frauen und Mädchen wurden versklavt, vergewaltigt, schwer misshandelt und zum Wechsel ihrer Religion gezwungen. Kinder wurden von ihren Eltern getrennt und umerzogen. Die jesidische Sprache wurde verboten und viele Heranwachsende militärisch zwangsverpflichtet und zu Selbstmordattentätern erzogen. Insgesamt kamen 5000 bis 10.000 Jesiden um und 7000 Jesidinnen wurden entführt. Viele entführte Frauen gelten heute immer noch als vermisst. Zahlreiche Mörder, so eine Überlebende aus dem Dorf Koço, kamen aus der direkten Nachbarschaft. Für Kizilhan aus Villingen-Schwenningen erklärt sich die Täterschaft der Nachbarn teilweise aus den historischen Vorurteilen, die nachweislich von Hasspredigern immer wieder von neuem befeuert wurden. „Die Entmenschlichung beginnt immer mit den Feindbildern“, so der Traumaforscher.

Viele überlebende Jesiden leben heute traumatisiert in insgesamt 15 Flüchtlingslagern im Irak. Dort herrschen beengte Verhältnisse und es fehlen die beruflichen Perspektiven. Die Mehrheit ist abgeschnitten von ihrer Heimatregion Sindschar, in die die Jesiden bislang nicht zurückkehren durften. Neben der Einführung einer Autonomie in der Region Sindschar fordern die Vertreter der Jesiden in Deutschland vor allem Sicherheit in Form von internationalen Schutzgarantien, so dass sich ein Völkermord nie mehr wiederholen kann. Für den Traumaforscher Kizilhan, der mit vielen schwer traumatisierten Frauen sprechen konnte, ist zusätzlich eine Verbesserung der psycho-sozialen Versorgung im Irak dringend geboten.